Wie die Wirtschaft im Krieg funktioniert

Im dritten Monat überzieht Russland die Ukraine mit Krieg. Bilder zeigen schlimme Zerstörungen, leidende Menschen. Aber wie funktioniert die ukrainische Wirtschaft im Krieg? Wie hoch sind die Schäden? Wie viele Betriebe arbeiten? Kommt die Frühjahrsaussaat voran, reichen die Staatsfinanzen? Zahlen und Berichte aus Kiew sind nicht überprüfbar, aber sie ergeben ein Bild.

Andreas Mihm

Wirtschaftskorrespondent für sterreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

Unser Staat und seine Wirtschaft verlieren jeden Tag Milliarden von Dollar“, sagt Staatspräsident Wolodymyr Selenskyi. Wirtschaftsforscher prognostizieren einen schweren Einbruch der Wirtschaftsleistung. Ob es nun 35 Prozent gegenüber den 200 Milliarden Dollar Bruttoinlandsprodukt des Vorjahres sind, wie der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, oder gar 45 Prozent, wie die Weltbank in ihrer Frühjahrsmts.

Die Aussichten für das Land seien düster, wie düster genau, hänge vom Kriegsverlauf ab, sagt Wasily Astrow vom Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). Auch bei einem Waffenstillstand und einer politischen Lösung dürfte ein kräftiger Aufschwung erst 2024 einsetzen, weil private Investoren wohl nur langsam wieder ins Land zurückkommen werden.“

500 Milliarden Dollar Schaden in sechs Wochen

Dennoch ist das Bild gemischt: Wo nicht, wie im Osten und Süden, gekämpft werde, sei die Wirtschaft erstaunlich widerstandsfähig. Geldautomaten geben Banknoten aus, der Einzelhandel sichert die Lebensmittelversorgung, das Telefonnetz funktioniert. In den vom Krieg verwüsteten Regionen, wo die Wirtschaft zum Erliegen gekommen ist, seien bisher 53 Prozent des Wirtschaftsleistung, 43 Prozent der Industriegüter und ein Drittel der Agrarproduktion erzeugt word, s. ber die nun geschlossenen Häfen am Schwarzen Meer wurde früher die Hälfte des Exports abgewickelt. Dafür Alternativen zu finden fällt zusehends schwer, weil die russischen Invasoren gezielt die Verkehrs- und Bahninfrastruktur unter Beschuss nehmen. Die ist auch für den Waffentransport an die Front wichtig.

Die Weltbank hat die Schäden an Gebäuden und Infrastruktur nach zwei Monaten Krieg auf 60 Milliarden Dollar geschätzt. Seither sind weitere Verwüstungen dazugekommen. Laut Infrastrukturminister Alexander Kubrakow sind 20 bis 30 Prozent der Straßen und Schienenwege beschädigt oder zerstört, 300 Brücken, 8000 Kilometer Staatsstraßen, Dutzende Autobahnbrücken. Die Straßenbehörde Ukravtodor beziffert die Schäden auf umgerechnet 30 Milliarden Dollar. 500 Kilometer Straßen seien aber wieder geräumt und befahrbar.

Kaputte Straßen sind nur ein Teil des Schadens, den Ministerpräsident Denys Schmyhal im britischen Economist“ für die ersten sechs Kriegswochen auf 500 Milliarden Dollar beziffert. Ganze Städte wie Mariupol sind verwüstet. Auch in Gemeinden, die es nicht so schlimm getroffen hat, sind Wohnhäuser, Schulen, Kliniken, Industrieanlagen, Strom- und Wasserleitungen zerstört.

400 Betriebe in den Westen verlagert

Aufmunternd twittert Präsident Selenskyi: Die Wirtschaft der Ukraine funktioniert trotz des Kriegs.“ Premier Schmyhal ruft die Leute in den nicht umkämpften Regionen auf, zur Arbeit zu gehen und die Wirtschaft zu unterstützen. Zehntausende Geflüchtete sollen schon wieder ins Land zurückgekommen sein. Wirtschaftsvertreter berichten, im Westen des Landes hätten viele Betriebe nach dem ersten Schreck die Produktion bald wieder aufgenommen. Seither werden auch wieder Kabelbäume für Westeuropas Autoindustrie geliefert.

Die Unternehmen überwänden allmählich die kriegsbedingten Erschwernisse, schreibt die ukrainische Notenbank. Nachdem in den ersten Kriegswochen 30 Prozent der Betriebe geschlossen waren, seien es Mitte April nur noch 23 Prozent gewesen. Der Stromverbrauch und die Stromerzeugung bleiben stabil, während die Zahl der geöffneten Restaurants und deren Umsätze steigen.“

Allein 400 Betriebe seien mit Regierungshilfe vom Osten der Ukraine in den Westen verlagert worden, die Hälfte von ihnen arbeite wieder, heißt es in Kiew. Laut der amerikanischen Wirtschaftskammer waren 41 Prozent ihrer Mitgliedsunternehmen Mitte April voll funktionsfähig, die Hälfte zum Teil.

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