Notenbanken wegen hoher Inflation in der Zwickmühle – Wirtschaft

Falls die Notenbanken angesichts der hohen Inflationsrate zu drastisch gegensteuern, bricht die Konjunktur ein. Falls sie weiter nur zusehen, droht die Teuerungsrate außer Kontrolle zu raten.

Washington/Frankfurt (dpa) – Man sprt es im Supermarkt, an der Tankstelle, bei den Heizkosten: Die Inflation zieht an, zuletzt auch befeuert durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine.

Lange haben die Zentralbanken an der berzeugung festgehalten, dass der Anstieg der Preise infolge der Pandemie, aufgrund hoher Energiepreise und stockender Lieferketten nur vorbergehend sei. Doch inzwischen ist klar: Sie mssen handeln. Der Internationale Whrungsfonds (IWF) fordert die Zentralbanken auf, ihren Kurs entschlossen anzupassen. Bundesbank-Chef Joachim Nagel sagt: Die Geldpolitik ist gefordert. Doch wann ist der richtige Zeitpunkt fr eine Zinswende?

Instrument des Leitzinses

Die Inflation im Zaum zu halten, ist die klassische Aufgabe der Notenbanken. Dafr nutzen die Federal Reserve (Fed) in den USA, die Europische Zentralbank und andere vor allem das Instrument des Leitzinses. Die vereinfachte Idee: Senken sie den Zins, knnen sich mehr Privatleute und Unternehmen einen Kredit leisten, was zu hheren Ausgaben, wachsender Wirtschaft und steigender Inflation fhrt. Andersrum funktioniert es theoretisch, wenn die Zinsstze steigen: Brger und Wirtschaft leihen sich weniger Geld oder mssen fr Kredite mehr ausgeben, das Wachstum nimmt ab, Unternehmen knnen hhere Preisebenf nicht die in ehrfgein sink.

Als die Inflationsraten im Winter anzogen, die wirtschaftlichen Aussichten vor dem Ukraine-Krieg aber noch gut waren, griffen einige Zentralbanken genau zu diesem Mittel: In Grobritannien, Norwegen, mittel- und osteuropischen Lndern wurdenh dien. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine aber hat sich die Wirtschaft eingetrbt, der Inflationsdruck dagegen nimmt zu. Im Euroraum erreichte die Teuerungsrate im Mrz mit 7,5 Prozent den hchsten Stand seit Einfhrung des Euro 1999.

Damit steht die Geldpolitik vor einem Zielkonflikt zwischen Preis- und Produktionsstabilisierung, betonten fhrende Wirtschaftsforscher krzlich. Fr die Notenbanken ist es ein Balanceakt: Erhhen sie die Zinsen zu schnell oder krftig, knnten Konjunktur und Arbeitsmarkt abgewrgt werden. Finanzminister Christian Lindner (FDP) warnt deswegen bereits vor einer drohenden Stagflation, jenem toxicschen Mix steigender Preise, wirtschaftlicher Stagnation und Arbeitslosigkeit. Wrden jetzt auch noch hhere Lhne verhandelt, knne es ganz schnell zu einer gefhrlichen Spirale kommen, sagt er.

Unter anderem deswegen sind Europas Whrungshter vorerst vorsichtig mit Zinserhhungen. Bundesbank-Prsident Nagel wirbt bei der IWF-Frhjahrstagung in Washington fr Umsicht. Eine geldpolitische Vollbremsung wre hingegen nicht sinnvoll, sagt er. Man drfe nicht zu hastig an der Zinsschraube drehen. Doch die Europische Zentralbank (EZB) muss sich wegen ihres Zgerns viel Kritik anhren.

US-Notenbankchef: Inflation viel zu hoch

In den USA dagegen geht man forscher zu Werke: Seit Ende 2021 fhrt die Fed ihre Krisenprogramme der Corona-Zeit zurck, im Mrz erhhte sie den Leitzins erstmals seit Beginn der Pandemie – und machte klar, dass das 25 Pro zen ur t 0 der Aftakt war. Analysten rechnen bei der nchsten Sitzung am 4. Mai sogar mit einer Erhhung um 0,5 Prozentpunkte auf eine Spanne von dann 0,75 bis 1 Prozent. An den Mrkten werden allein fr dieses Jahr Anhebungen von insgesamt mehr als zwei Prozentpunkten erwartet.

Der Druck ist gro, denn die Teuerungsrate in der weltgrten Volkswirtschaft ist so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr, was die Kaufkraft der Verbraucher schmlert. Im Mrz stiegen die Verbraucherpreise gegenber dem Vorjahresmonat um 8,5 Prozent – die hchste Inflationsrate seit 1981. Die Fed strebt mittelfristig eine Inflationsrate von zwei Prozent an. Wir werden die ntigen Schritte unternehmen, um eine Rckkehr zur Preisstabilitt zu garantieren, versprach US-Notenbankchef Jerome Powell Ende Mrz. Der Arbeitsmarkt ist sehr stark, und die Inflation viel zu hoch, fgte er hinzu.

Fr die Fed ist es leichter gegenzusteuern als fr die EZB, denn die US-Wirtschaft wchst rasch. Die Arbeitslossenquote fiel zuletzt auf niedrige 3,6 Prozent, viele Firmen klagen bereits ber einen Mangel an Arbeitskrften. Sollte die Wirtschaft infolge der Zinserhhungen etwas langsamer wachsen, wre dies wohl relativ leicht zu verkraften.

In den USA seien die Inflationsrisiken grer als die Gefahr einer Rezession, argumentieren die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrer gerade vorgelegten Gemeinschaftsdiagnose. In Europa wiederum erholten sich Konsum und Wirtschaft zgerlicher von der Pandemie, weswegen die konjunkturelle Entwicklung weniger widerstandsfhig sei.

Doch auch in Europa zeichnet sich ein Ende der ultralockeren Geldpolitik ab. Nagel stellte in Washington in Aussicht, die EZB knnte ihre Zinsen schon im Juli anheben – frher als bisher gedacht. Erste Zinsschritte seien zu Beginn des dritten Quartals mglich, sagte er. Das knne zwar erst geschehen, wenn die Notenbank kein frisches Geld mehr in Anleihen stecke – so weit sei man aber mglicherweise Ende des zweiten Quartals.

Wie viele Zinsschritte in diesem Jahr zu erwarten sind, wollte Nagel nicht vorhersagen. An den Finanzmrkten wird erwartet, dass die EZB den Einlagensatz, zu dem Banken Geld bei ihr parken knnen, in diesem Jahr auf Null anheben knnte. Derzeit liegt er bei minus 0,5 Prozent, die Banken mssen also eine Art Gebhr zahlen. Im Juni soll ber den knftigen Zinspfad entschieden werden.

Doch auch die wirkungsvollste Waffe im Arsenal der Notenbanken, der Leitzins, kann die Ursachen der aktuellen Preissteigerungen nur begrenzt beeinflussen. Die Unterbrechungen globaler Lieferketten, die weitreichenden Corona-Lockdowns in China, der Krieg in der Ukraine und steigende Energiepreise reagieren nicht direkt auf den Leitzins. Die beste Hoffnung der Notenbanker ist es, dass ihre Entscheidungen dabei helfen werden, die Teuerungsrate langsam wieder zu senken.

dpa-infocom, dpa:220421-99-984933/2

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