Gasstreit mit Russland: Wirtschaft warnt vor schwerer Krise

Stand: 01.04.2022 11:55 Uhr

Vor dem Hintergrund des Gasstreits zeigen sich deutsche Unternehmen in Sorge: Ein Importstopp oder längerfristiger Ausfall von Gaslieferungen aus Russland könne große wirtschaftliche Schäden bringen.

In der deutschen Wirtschaft gibt es Befürchtungen, dass die Bundesrepublik in eine schwere Krise stürzen könnte, sollte Moskau die Gaslieferungen einstellen oder der Westen Russland mit einem Energieembargo belegen.

BASF-Chef Martin Brudermüller warnte für den Fall eines Importstopps oder längerfristigen Ausfalls von Gas- und llieferungen aus Russland vor beispiellosen wirtschaftlichen Schäden. “Das könnte die deutsche Volkswirtschaft in ihre schwerste Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs bringen”, sagte Brudermüller der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”. Auch die Bau- und Energie-Expertin Lamia Messari-Becker, die die Bundesregierung berät, warnte für den Fall eines Stopps russischer Gaslieferungen vor verheerenden Folgen. Wenn Grundstoff-Industrien zum Erliegen kämen, würde ein Dominoeffekt entstehen, der nicht mehr aufzuhalten und nur schwer reparabel wäre”, sagte sie der Nachrichentagentur dpa.

“Ohne Erdgas keine Produktion von Stahl”

Beim Stahlkonzern Salzgitter hieß es: “Ohne Erdgas keine Produktion von Stahl.” Der Politik müsse klar sein, dass von der Produktion wiederum die Energieversorgung und die Energiewende abhingen, sagte ein Konzernsprecher.

Dem “Handelsblatt” sagte Siemens-Energy-Chef Christian Bruch, bei einem kurzfristigen Boykott seien die negativen Auswirkungen für Deutschland größer als der Effekt auf Russland. Für manche Branchen sei die Gasversorgung existenziell. “Nehmen Sie nur die Glasindustrie. Wenn die Anlagen einmal kalt fallen, sind sie hinüber.”

Der Glachersteller Wiegand bereitet sich auf ein Abschalt-Szenario vor. “Wir beschäftigen uns gerade damit, wie wir im schlimmsten Fall die Schmelzwannen selbst kontrolliert stilllegen können”, sagte Geschäftsführer Nikolaus Wiegand. In elf solcher Wannen hält das Unternehmen an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen rund um die Uhr Tausende Tonnen Glas auf einer Temperatur von rund 1600 Grad Celsius. Versiege der Gasstrom von heute auf morgen, würde das Glas kalt und aushärten. Die Schmelzwannen wären dann nicht mehr zu retten – ein Millionenschaden.

Zahlungen sollen über Gazprombank laufen

Westliche Staaten wie Deutschland müssen nach russischer Darstellung seit heute Konten bei der Gazprombank eröffnen, um weiter Gas zu erhalten. Andernfalls würden die Lieferungen für “unfreundliche Länder” eingestellt, hatte Präsident Wladimir Putin angekündigt. Die Staaten müssen demnach über die Konten, die einen Bereich für Valuta – also Euro oder Dollar – und einen für Rubel haben, eine Zahlung in russischer Währung sicherstellen. Laut dem von Putin unterzeichneten Dekret kann weiter in Euro oder Dollar diese Konten eingezahlt werden. Die Gazprombank tauscht das Geld dann in Rubel und überweist den Betrag an Gazprom.

Die Bundesregierung beharrt darauf, Zahlungen müssten wie vereinbart in Euro oder Dollar erfolgen. Die genauen Auswirkungen der geänderten Modalitäten sind unklar. Analysten in Moskau gehen davon aus, dass das System erst im April und Mai zur vollen Wirkung kommt.

Das Bundeswirtschaftsministerium hatte am Mittwoch die Frühwarnstufe des Notfallplans Gas ausgerufen, die erste von drei Stufen. Damit soll die Vorsorge für einen Lieferstopp gestärkt werden. An Verbraucher und Firmen ging der Appell, Energie zu sparen.

Laut Bundesnetzagentur ist die Gasversorgung in Deutschland derzeit stabil. Es gebe keine Beeinträchtigungen der Lieferungen nach Deutschland.

Konzerne beobachten Lage

Volkswagen teilte mit, dass die Versorgung mit Gas im Moment für die Werke der VW sowie der Marken in Deutschland gesichert sei. Bei Mercedes-Benz hieß es, man beobachte die Lage und stehe im engen Austausch mit der Bundesregierung. Der Technologiekonzern Bosch teilte mit, er könne zurzeit seine Fertigungs- und Betriebsstätten unverändert versorgen und beobachte den Energiemarkt. Er werde auch geprüft, welche Vorsorge man in Europa für den Winter treffen müsse, berichtete ein Sprecher. Mit Blick auf die Vorwarnstufe hieß es, man bereite sich auf verschiedene Szenarien vor und treffe Vorsorge, “um bei einer Regulierung der Gasversorgung die Belieferung unserer Kunden weiter sicherzustellen oder möwirk wgliche halt möwich auswik halt so”.

Expertin Messari-Becker betonte, die Bauwirtschaft hänge an gasintensiven Industrien wie der Chemie-, Stahl- und Zementindustrie. “Im Hauptbaugewerbe wären knapp eine halbe Million Jobs betroffen.” Sie forderte die Politik auf, alle nationalen Reserven zu mobilisieren und notfalls auch Laufzeitverlängerungen konventioneller Kraftwerke, etwa von Kohlekraftwerken, zu erwägen.

Gazprom liefert auch heute Gas nach Europa

Nach Angaben Gazprom liefert der Konzern heute wie bestellt Gas durch die Ukraine nach Europa. Die Menge belaufe sich auf 108,4 Millionen Kubikmeter nach 109.5 Millionen Kubikmeter am Donnerstag, teilt der staatlich kontrollierte Konzern mit.

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