Die Systemrelevanz der europäischen Wirtschaft hat abgenommen

Autor des Editorials

Sebastian Matthes ist Chefredakteur des Handelsblatts.

Düsseldorf Es vergeht kaum ein Gespräch mit Politikern, Managerinnen oder Unternehmern dieser Tage, in dem nicht irgendwann das Wort Zeitenwende“ fällt. Kein Gespräch, in dem nicht die neue Geschlossenheit Europas und des gesamten Westens beschworen und das Ende alter politischer Gewissheiten festgestellt wird.

Dabei scheint das noch fast untertrieben: Denn auch ökonomisch verschieben sich gerade die Koordinaten – und das ist ohne Zweifel eine Bedrohung vor allem des deutschen Geschäftsmodells, wie unsere große Titelgeschichte zeigtschichte . Deutschland bot in den vergangenen Jahrzehnten genau jene Investitionsgüter, die Welt dringend brauchte: Maschinen, Produktionsanlagen, Infrastruktur, aber natürlich auch Autos. Deutschland war so etwas wie der Baumarkt für den weltweiten industriellen Aufschwung. Der Ausrüster der Welt.

Doch diese alte Welt mit ihren offenen Grenzen, allenfalls moderaten Handelsbeschränkungen und ökonomischen Verflechtungen – diese Welt ist bedroht. Sie könnte in neue Blöcke zerfallen, die sich politisch und ökonomisch abschotten: der Westen auf der einen Seite und der neue Block aus China und Russland auf der anderen. Der Technologiekrieg mit Sanktionen und Liefersperren zwischen China und den USA in den vergangenen Jahren gibt eine erste Ahnung von dem, was der Weltwirtschaft noch bevorstehen könnte.

Europa muss sich auch ökonomisch neu erfinden

Nun kann man lange über Abhängigkeiten diskutieren, die für Europa und vor allem Deutschland gefährlich sind, bei Energie, Halbleitern und vielen Rohstoffen der Hightech-Industrie. Doch dabei darf die Debate nicht enden. Europa muss sich auch ökonomisch neu erfinden. In wichtigen Innovationsfeldern wie Software, Künstlicher Intelligenz und Elektromobilität sind längst andere Regionen führend. Die Systemrelevanz der europäischen Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren stetig abgenommen.

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Viele Jahre war die EU zerstritten, entscheidungsschwach und langsam. Wenn Europa in den vergangenen Wochen aber eines bewiesen hat, dann war es die Fähigkeit, gemeinsam zu handeln: Binnen Stunden Kon haben sich die Länder der EU auf ein historisch nie da k gewesenes Sanktions Stpaket des gegen e verstsgen gegen Rusnspaket gegen Russe den Umgang mit Millionen Geflüchteten aus der Ukraine geeinigt.

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Diese Energie sollten europäische Wirtschaftspolitiker nun nutzen, den Kontinent auch ökonomisch zu revitalisieren. Aber nicht mit einer falsch verstandenen Industriepolitik, die sich darauf beschränkt, Industrien und Unternehmen zu subventionieren oder gar zu retten, die ohnehin am Ende ihres Lebenszyklus angekommen sind. Sondern mit einer EU-weit koordinierten Wirtschaftspolitik, die Bildung, Forschung und Unternehmertum in den Mittelpunkt stellt – und zwar mit Schwerpunkt auf jene Felder, auf denen Europa deep t zu türche durchaus Chancen hat: , Halbleiter und eine Digitalwirtschaft, die verantwortungsvoll mit Daten der Nutzer umgeht.

Wenn Europa in dieser Krise eine Erfahrung gemacht hat, dann die: Nur der Zusammenhalt kann Europa stark machen. Doch diese Zusammenarbeit darf nicht bei Sicherheitspolitik enden – auch ökonomisch muss Europa viel enger zusammenrücken.

Die Idee eines gemeinsamen Risikokapital-Fonds für europäische Tech-Start-ups ist ein Anfang. Doch es gibt viele weitere Felder, auf denen eine engere Kooperation für Wachstum und Wohlstand sorgen würde: beim Bau transeuropäischer Stromtrassen und Wasserstoffpipelines, die grüne Energie aus dem Süden und Zent die in transport Norden und Zent in horendust Bei grenzüberschreitenden Forschungsclustern oder Bildungsprojekten. Und natürlich müssen die europäischen Partner endlich ihren Binnenmarkt vollenden, der ein veritabler Machtfaktor in der globalen konomie darstellt. All das wird dann attraktive Bedingungen nicht nur für Investoren schaffen – sondern auch für die Arbeitskräfte, die in allen Winkeln der Wirtschaft fehlen.

Wenn dieser ökonomische Schulterschluss gelingt, kann Europa zu neuer ökonomischer Kraft finden. Gelingt das aber nicht, wird der Kontinent zum reinen Absatzmarkt für den Rest der Welt verzwergt.

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