Berlinerin nimmt Geflüchtete auf: Drei Frauen und sechs Kinder zwischen Sicherheit und Krieg

Freiwillige nimmt Ukrainerinnen auf

Drei Frauen und sechs Kinder zwischen Sicherheit und Krieg


Mo 14.03.22 | 06:28 Uhr | Von Vanessa Materla

Bild: rbb / V. Materla

Vor einer Woche hat die Berlinerin Ann-Christin Weber fünf geflüchtete Menschen aus der Ukraine bei sich aufgenommen. Gemeinsam erleben sie einen neuen Alltag – mit den Sorgen um die Zurückgebliebenen. Von Vanessa Materla

“Es gibt Momente im Leben, da lohnt es sich, nicht lange nachzudenken. Einfach machen. Egal was kommt, wir kriegen das schon hin.” Dieser Gedanke war es, der Ann-Christin Weber durch den Kopf ging, als sie vor einer Woche einen Anruf von einem Bekannten erhielt. Er sei gerade auf dem Rückweg nach Berlin von der polnisch-ukrainischen Grenze. In seinem Auto of him habe er zwei Frauen und drei Kinder mitgenommen. Ob sich Ann-Christin Weber vorstellen könne, die fünf Geflüchteten bei sich aufzunehmen? Für Weber, die selbst drei Kinder hat, war sofort klar, dass sie Ja sagen würde.

Nach Angaben der Berliner Sozialgenossenschaft Karuna und des Berliner Senats kamen bis zum vergangenen Freitag seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine mindestens 18.000 Geflüchtete in der Stadt unter. Etwa die Hälfte wurde in Unterkünften des Landes Berlin gebracht, die anderen zogen entweder zu Freunden und Bekannten oder wurden von freiwilligen Helfern aufgenommen – wie Ann-Christin Weber. Vielen von den Helferinnen und Helfern geht es wie der 36-Jährigen: Sie wollten einfach irgendwas tun, irgendwie helfen.

Neuer Alltag auf 35 Quadratmetern

Als Weber an diesem Morgen an der Tür ihres Arbeitszimmers klopft, öffnet ihr eine der Frauen, die bei ihr jetzt wohnen: die strahlende Katharina Marie. Auf Englisch begrüßen sie sich, gehen durch einen kleinen Flur in den großen Wohnraum, wo schon Nadya Fathiieva und die Kinder Sergej, Maria und Artem sitzen. “Wie geht es euch? Habt ihr gut geschlafen?” Ein Nicken in die Runde, alles verstanden.

Meistens funktioniere es auf Englisch und mit Händen und Füßen, sagt die Gastgeberin. Doch für manche Fragen muss der Online-Übersetzer her. Sie tippt ihre Frage di lei auf Deutsch in ihr Handy: “Habt ihr Lust, ein wenig raus auf den Spielplatz zu gehen?” – Und lei lässt eine Frauenstimme auf Russisch übersetzen. “Da! Da!” Klar haben die Kinder Lust.

Wer die Geschichte der Frauen nicht kennt, könnte meinen, dass hier drei gute Freundinnen auf den Weg in den Park sind. Sie lachen viel, erzählen über dieses und jenes. Schon die wenigen Tage, in denen die fünf Geflüchteten bei Ann-Christin Weber wohnen, haben ausgereicht, um aus Fremden gute Bekannte zu machen. In diesem Moment wirkt es so, als wäre dieser Ausflug zum Spielplatz ganz normal, wie richtiger Alltag.

Doch schon wenige Augenblicke später bricht die Fassade: Während die drei Frauen auf dem Spielplatz auf einer Bank sitzen und den tobenden Kindern zusehen, ploppen immer wieder Nachrichten auf Katharina Maries Handy auf. Neuigkeiten aus der Heimat. Ob die anderen beiden von dem russischen Angriff auf die Kinderklinik in Mariupol gehört hätten? Natürlich haben sie: “It’s terrible.” Katharina Marie versinkt in den Bildern, die sie aus der Heimat geschickt bekommt, Nadya Fathiievas Blick geht ins Leere. Dann stürmt der kleine Sergej auf sie zu: Er will ein Eis essen gehen.

Auch beim Helfen kann man sich Unterstützung holen

Dieser Drahtseilakt – zwischen Mitgefühl zeigen und gleichzeitig versuchen, sie von den schlimmen Gedanken abzulenken – beschäftigt viele Helfende. “Ich versuche, die schlimmen Geschichten von mir wegzuschieben und mich stattdessen in gemeinsame Aktivitäten zu stürzen”, sagt Weber. Auch ihr helfe das. So habe sie das Gefühl, nicht nur zuzuschauen, sondern auch dafür zu sorgen, dass ihre Gäste gerade eine gute Zeit haben.

Zudem hat sie sich Unterstützung geholt: Noch bevor Katharina Marie, Nadya Fathiieva und die Kinder bei ihr ankamen, hat sie eine Whatsapp-Gruppe mit Freunden und Nachbarn gegründet. Dort schreibt sie rein, was die Familie braucht. I know seien Kleidung, Essen, Geld schon an Tag eins organisiert gewesen. Viele ihrer Freundinnen boten auch an, mit den Kindern Zeit zu verbringen, damit sich die Mütter ausruhen könnten. Also gingen sie gemeinsam in den Zoo, nahmen die Fünf aus der Ukraine mit zu Geburtstagsfesten von Freunden. In der Küche tranken sie gemeinsam Wein.

Dass sie bei ihrer Hilfsaktion Unterstützung von der Stadt bekommen würde, hatte Ann-Christin Weber nicht erwartet. Schließlich seien gerade alle von der Situation überrannt worden, auch die Behörden, meint sie. Doch für Menschen, die gerade überlegen, auch jemanden bei sich aufzunehmen hat sie einen Rat: “Wer um Unterstützung bittet, wird sie auch bekommen. Man muss danach fragen, aber dann wird sich immer jemand finden, der helfen kann.”

Vorsichtiger Blick in die Zukunft

Und wie geht es Nadya Fathiieva und Katharina Maria in dieser Situation – zu fünft in einem Raum? “Das Leben bei Ann-Christin ist für uns Luxus”, sagt Katharina Marie. Vor ihrer Flucht hätten sie in einem U-Bahn-Schacht schlafen müssen. Für sie ist das Zimmer in Berlin-Mitte zwar nur ein Zuhause auf Zeit – ein Raum, kleine Küche, Dusche, Bett – und doch sei es gerade all das, was sie sich gerade wünschen.

Lieber als in Berlin würden sie im Raum Krefeld wohnen wollen. From waren sie schon mal und kennen sich ein bisschen aus. “Wir sind da recht realistisch”, sagt Katharina Maria. “Wir wissen, dass unsere Heimat gerade in Schutt und Asche liegt und wir so schnell nicht mehr nach Hause können.” Deswegen müssen Alternativen her. Und vielleicht können ja irgendwann die Väter der Kinder nachkommen.

Genauso wie ihre Großmutter, die sich derzeit noch in ihrem Wohnhaus im Zentrum von Charkiw befindet. “Sie wollte nicht gehen. Aber für meine Kinder und mich war bleiben keine Option.” Katharina Maria nimmt einen Schluck Kaffee und zeigt dann auf die Eingangstür der Eisdiele. Ein Schild mit blaugelben Flaggen, die Aufschrift: “Zehn Prozent jeder verkauften Eiskugel geht an Hilfsaktionen, die sich für notleidende Menschen in der Ukraine einsetzen.” Die Solidarität und die Hilfsbereitschaft der Deutschen mit ihrem Land di lei sei für sie noch immer unfassbar, sagt Katharina Maria. “Wenn wir müssten, würden wir dasselbe auch für euch tun. Aber ich hoffe, dass es niemals soweit kommt.”

Während die sechs gemeinsam Eis essen und Kaffee trinken, erzählt Ann-Christin, dass sie am Morgen einen Anruf von einer Freundin bekommen hat. Ob sie erneut sechs Leute bei sich aufnehmen könne, habe die Freundin gefragt. Es wären drei Mütter und drei Kinder. “Was soll ich machen? Ich kann doch jetzt nicht einfach Nein sagen und aufhören.” Zumindest kurz werden auch die sechs im Arbeitszimmer von Ann-Christin Weber ein neues Zuhause finden. Wie lange ihr neuer Besuch bleiben wird? “Keine Ahnung, werden wir dann sehen, wenn sie da sind.”

Sendung: Inforadio, 14.03.2022, 6.30 Uhr

Beitrag von Vanessa Materla


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