Bayern/Ukraine-Krieg: Betriebe fürchten um Energieversorgung: Wirtschaft fordert schnelle Entlastung

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Solarengerie könnte in Zukunft ein Weg sein, um unabhängiger von Gas aus dem Ausland zu sein. Die bayerische Wirtschaft sorgt sich um die Energiepreise. © Christophe Gateau/dpa

Der Ukraine-Krieg treibt die Energiepreise in die Höhe. Die bayerische Wirtschaft fordert die Politik auf, für Entlastung zu sorgen. Ein Interview mit vbw-Chef Bertram Brossardt.

München – Die hohen Energiepreise belasten nicht nur Verbraucher, die mit l oder Gas heizen und ihr Auto betanken müssen – sie treffen auch die Unternehmen. Die bayerische Wirtschaft fordert daher dringend Entlastung, denn schon drohen Stilllegungen und Produktionsausfälle, warnt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw).

Schon vor dem Ukraine-Krieg war Energie in Deutschland teurer als fast überall sonst in Europa. Was kommt jetzt mit der aktuellen Preisexplosion auf die Unternehmen zu?

Die Preise für Kohle und l haben sich verdoppelt, die Gaspreise sind sogar noch stärker gestiegen. Das trifft ausnahmslos alle Unternehmen und stellt eine Gefahr für alle Wirtschaftsbereiche dar. Besonders hart ist es natürlich für die energieintensiven Unternehmen, die für Bayern systembildend sind. Beispiele sind die chemische Industrie, die Keramik oder die Textilbranche.

Es gibt erste Berichte über Unternehmen, die mit Verweis auf explodierende Energiepreise ihren Betrieb einstellen. Zuletzt die Lechstahlwerke. Haben Sie weitere Hinweise auf Unternehmen, die zumindest zeitweilig aufgeben?

Ja, sehr konkrete – ohne dass ich jetzt Namen nennen möchte. Wir haben auch konkrete Anfragen, zum Beispiel, ob das ein Fall der Kurzarbeit ist.

Was sollte kurzfristig unternommen werden?

Wir fordern, dass die Stromsteuer auf das europarechtliche Minimum gesenkt wird. Außerdem brauchen wir eine temporäre Absenkung der Energiesteuer. Das würde quer durch die gesamte Wertschöpfungskette wirken und auch für jeden Bürger. Die zeitweise Aussetzung ist ein kurzfristiger und schneller Weg.

Um Russland zu sanktionieren, wird aktuell über ein l- und Gasembargo diskutiert. Was würde so ein Importstopp für die Industrie bedeuten?

Wir lehnen einen Importstopp ab, weil er unsere Wirtschaft stark beschädigen würde. Nur eine starke Wirtschaft kann in dem Konflikt hilfreich sein. Wenn wir uns selbst schwächen, führt das zu einer Spirale nach unten. Gerade im Gas-Bereich müssten ganze Sektoren ihre Produktion einstellen oder zumindest stark einschränken.

Wie wir durch den Halbleitermangel gelernt haben, sind Produktionsstopps nicht so leicht kurzfristig zu beheben, sondern können nachhaltige Störungen auslösen. Bei Energie dürfte das nicht anders sein, oder?

Nein, es ist sogar noch schlimmer. Viele industrielle Prozesse können nicht einfach wieder von null auf 100 hochgefahren werden, wenn einmal abgeschaltet ist.

Wir müssen jetzt die Energiewende beschleunigen“

Stichwort Abschalten: Was halten Sie davon, die verbleibenden Atomreaktoren länger laufen zu lassen, beziehungsweise stillgelegte wieder hochzufahren?

Ich halte es zumindest für sehr prüfungswürdig, die drei noch laufenden Kernkraftwerke länger am Netz zu halten. Das könnte einen Beitrag dazu leisten, den Anteil an Gas zur Stromgewinnung zu minimieren. Bei bereits stillgelegten Reaktoren dürfte es unserer Einschätzung nach aber zu lange dauern, diese wieder hochzufahren.

Erdgas war ja als Brückentechnologie im bergang zu Erneuerbaren Energien gedacht. Diese Option fällt nun weg. Was bedeutet das für die Energiewende?

Wir müssen jetzt die Energiewende beschleunigen. An unseren Forderungen hat sich nichts geändert, sie sind nur noch dringlicher geworden: Ausbau der Stromleitungen von Nord nach Süd sowie Stärkung von regenerativen Energien, von Wasserkraft bivolt über Biomass zu Wind und über Biomass und von Nord nach Süd sowie Da muss jetzt noch mehr Druck dahinter. Allerdings wird das kurzfristig nicht wirken, deshalb brauchen wir noch etwas länger die Kernkraft. Wir müssen alles dafür tun, die Energieversorgung sicher und preisgünstig aufrechtzuerhalten.

Welche Maßnahmen oder Förderungen könnten diesen Prozess anschieben?

Es geht gar nicht so sehr um zusätzliche Förderung. Es geht uns erst einmal darum, das zu realisieren, was längst beschlossen ist, also kein weiteres Zögern beim Netzausbau und beim Ausbau erneuerbarer Energieträger. Natürlich kann das alles begleitet werden von kurzfristiger, zusätzlicher Förderung von Photovoltaik oder von rationellerem Energieeinsatz in Unternehmen. Das würde in dem Prozess mehr Tempo machen.

Bräuchte es nicht auch gesetzliche nderungen, etwa was Genehmigungsverfahren speziell bei Windkraft angeht?

Ich würde erst einmal an die Bevölkerung appellieren, diesen Weg mitzugehen. Jetzt erst recht. Wir sind immer dazu bereit, in dieser Hinsicht berzeugungsarbeit zu leisten, wenn der Staat da auf uns zukommt.

Der Staat muss jetzt schnell handeln, sonst geht der Wirtschaft die Luft aus“

Auf welche Energiepreise richten sich die Unternehmen aktuell ein?

Es gibt natürlich überall Worst-Case-Szenarien. Aber man muss abwarten, wie die weitere Entwicklung ist. Es ist aber schwer vorstellbar, dass die Preise für Rohstoffe und Energie kurzfristig sinken. Deshalb muss der Staat jetzt schnell handeln, sonst geht der Wirtschaft die Luft aus.

Die Betriebe fürchten schon um die Versorgungssicherheit?

Ja, um Versorgungsengpässe und die nicht einschätzbare Preisentwicklung. Das hängt bei verknappten Gütern ja zusammen.

Die Energiepreise schlagen ja auch voll auf die allgemeine Teuerung durch. Wie schlimm kann das noch werden?

Wir haben dazu aktuell keine seriöse Prognose. Das hängt von sehr vielen Faktoren ab. Ich denke, um Ostern herum wird man klarer sehen.

Bei hohen Inflationsraten gibt es meist auch hohe Lohnforderungen. Haben Sie als Arbeitgebervertreter dafür kein Verständnis?

Die Inflation trifft Unternehmen und Beschäftigte gleichermaßen. Wenn die Teuerungsrate auf die Löhne durchschlägt, treibt das die Entwicklung ja immer weiter. Die steigenden Kosten beschädigen die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Wir können uns keine Sprünge erlauben, die wir nicht vertragen. Daran kann auch den Arbeitnehmern nicht gelegen sein, die ja auch an dauerhaft sicheren Arbeitsplätzen interessiert sind. Angesichts der schwierigen derzeitigen Lage ist diesbezüglich auch bei den Gewerkschaften der Meinungsbildungsprozess noch nicht abgeschlossen.

Interview: Corinna Maier

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