Arbeit: Was der Staat für Geflüchtete aus der Ukraine tun muss – Wirtschaft

Sichtlich euphorische Gastwirte neben neuen, dankbaren Mitarbeiterinnen – es sind vermeintlich schöne Bilder zurzeit, sie vermitteln Zuversicht. Doch hinter genem Optimismus steckt ein Denkfehler. Arbeitskräftemangel und Fluchtbewegungen zusammenzudenken, wie es wieder passiert, funktioniert nicht, noch nicht. Theoretisch wäre es möglich, mit Geflüchteten von heute leere Stellen von morgen zu besetzen. Aber dafür wäre ein grundsätzlicher Systemwandel nötig.

Natürlich ist der Gedanke naheliegend: Einerseits kommen Menschen zu Hunderttausenden, auf der Suche nach Sicherheit, aber auch Arbeit. Andererseits suchen Arbeitgeber vom Bäcker bis zum Technologiekonzern dringend Personal. Das hat schon im Jahr 2015 Hoffnungen geweckt, auf beiden Seiten. Aber dieser Blick zurück zeigt: Beide Herausforderungen zu verbinden funktioniert nur bedingt. Seit vor sieben Jahren Menschen aus Syrien herkamen, sind eben nicht unzählige von ihnen fix rzte an deutschen Krankenhäusern geworden. Sondern seitdem haben sich Tausende Menschen mit viel Fleiß und gegen Widerstände die deutsche Sprache angeeignet, durch Behörden gekämpft, in Ausbildungen hineingearbeitet. Ob sie wirklich angekommen sind, hing oft an Glück und Zufall. Mancher Mechaniker hat es aufgegeben, seine Ausbildung anerkannt zu bekommen, manche Geflüchtete putzt, obwohl sie studiert hat.

Gerade weil nicht alles rundlief, weiß man seitdem, was entscheidend ist für Integration: schnelle Sprachkurse, eine Unterbringung in prosperierenden Gegenden oder dort, wo die Ankommenden Bekannte haben, Kinderbetreuheit, Beratsung.

Erneut fehlen Kinderbetreuung und Perspektive

Zwar ist die Lage für die jetzt Kommenden aus ökonomisch-integrativer Perspektive eine bessere: Das Bildungsniveau der Ukrainer ist hoch, das erste Jahr Aufenthalt sicher, die Zahl der Helfer groß. Aber vieles läuft schlecht, obwohl man es besser wüsste. Die Bleibeperspektive gilt vorerst nur ein Jahr, Arbeitserlaubnisse müssen beantragt werden. Geld erhalten die Menschen übers Asylbewerberleistungsgesetz, obwohl ihre Chancen auf Arbeit höher wären, wenn sie für Grundsicherung beim Jobcenter registiert wären. Erneut werden Menschen nach dem Königsteiner Schlüssel verteilt, also nach Steueraufkommen und Bevölkerungsdichte, und landen in strukturschwachen Regionen. Die für die vielen Frauen wichtige Kinderbetreuung ist keinesfalls gesichert. Ganz abgesehen davon, dass erneut Freiwillige Wohnungen vermitteln, dass wieder Unterkünfte neu angemietet und Lehrer geworben werden müssen.

All das ist teuer, ineffizient und kurzfristig gedacht. Die Ukrainer werden nicht die letzten Menschen sein, die nach Deutschland fliehen. Selbst wenn sich die politische Lage entspannen sollte, die Klimakatastrophe dürfte die Migrationszahlen steigen lassen. Gleichzeitig ist der Fachkräftemangel schon Realität. Ihn über die Anwerbung Qualifizierter allein lösen zu wollen, ist nicht nur naiv. Es birgt sozialen und ökonomischen Sprengstoff, wenn gleichzeitig Menschen, die bereits hier sind, nicht arbeiten können oder dürfen.

Noch machen es das System und die rechtliche Situation nötig, Asylrecht und Arbeitskräfteimmigration zu trennen. Doch statt mit jeder Fluchtbewegung quasi von vorne zu beginnen, sollte der Staat ein dauerhaftes Konzept entwickeln, um Menschen, die kommen, in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Es sollte Sprachkurse und Integrationskurse geben unabhängig vom Aufenthaltsstatus, eine automatische berprüfung von Abschlüssen, Wohnmöglichkeiten, Kinderbetreuung und individuelle Beratung.

Das klingt teuer, aber wie bei vielen Investitionen lohnt es sich, anfangs zu investieren, um langfristig zu profitieren. Ein solcher Systemwandel könnte nichts Geringeres, als die Kassen des Sozialstaats und die leeren Arbeitsplätze zu füllen. Umgekehrt gedacht hat es den höheren Preis, Teile der Bevölkerung auf Dauer vom Arbeitsmarkt und letztlich der Gesellschaft fernzuhalten.

Mit einem solchen System könnten tatsächlich Fluchtbewegungen und Fachkräftemangel zusammengedacht werden. Bis dahin ist es ein langer Weg. So lang, dass sich erste Schritte schon jetzt lohnen. Der Bedarf ist da – auf beiden Seiten.

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