17 Milliarden von Intel: Die Idee von einer Stadt – Wirtschaft

Katja Hensel ist Stadtschreiberin von Magdeburg. Dieses Amt wird seit 2013 jedes Jahr für die Dauer von sieben Monaten vergeben, und auf die Frage “Warum Magdeburg?” mag die Hamburgerin Hensel erst mal gar nicht viel sagen. Stattdessen führt sie den Besucher zu ihrer Gästewohnung, die ihr die Stadt stellt. Sie liegt im obersten Stockwerk eines dieser “Stalinbauten” im Stile des sozialistischen Klassizismus nahe dem Hauptbahnhof. Drum herum läuft eine Terrasse mit kilometerweitem Blick. “Magdeburg ist eine offene Stadt”, sagt Hensel.

Tatsächlich fügt sich hier kaum etwas zu einem geschlossenen Ganzen, anders also als vielleicht in Potsdam oder München. Der Dom, dazwischen Riegel von Plattenbauten, dann wieder altes Industriegelände zeigen, was die Stadt bereits alles war: Bischofssitz, sozialistische Modellstadt, Zentrum der Schwermaschinenindustrie. Zu sehen sind auch die zaghaften Versuche, etwas anderes zu werden. Das Hundertwasserhaus von 2005, ziemlich kitschig, ziemlich bunt, das Einkaufszentrum “City-Carée” oder die Großbaustelle für eine neue Brücke über die Elbe. Es ist, als habe jemand versucht, aus Holzbauklötzen, Fischertechnik und etwas Lego eine Stadt zu bauen.

Gerade dies Unfertige ist es, was Katja Hensel interessiert. Bei ihrem Aufenthalt will sie sich mit den Erwartungen der Magdeburger für die Zukunft der Stadt beschäftigen, mit ihren Utopien, vor allem bei den Kindern und Jugendlichen. “Die Zukunft könnte hier alles Mögliche sein”, sagt Hensel. Doch seitdem sie Anfang März die Wohnung bezogen hat, ist einiges geschehen. Zum Beispiel, dass Magdeburg, die ewige Stadt des Konjunktivs, des “könnte”, nun einen 17 Milliarden Euro teuren Wegweiser geschenkt bekommen hat. Das ist die Summe, die der amerikanische Chiphersteller Intel ab kommendem Jahr hier in neue Fabriken investieren will.

Es ist eine gewaltige Summe, fast dreimal gewaltiger als Teslas Investition in Brandenburg, eine völlig neue Industrie mit 3000 Arbeitsplätzen, dazu vielleicht 10 000 weitere bei Zulieferbetrieben. Es wäre selbst für europäische Großstädte ein gigantisches Projekt. Doch für Magdeburg? 236 000 Einwohner. Einzige Landeshauptstadt ohne ICE-Anschluss. Im Fußball dritte Liga. Und noch eine Zahl: An der derzeit größten Baustelle der Stadt, dem Citytunnel, sind rund 100 Bauarbeiter beschäftigt. Bei der Intel-Fabrik werden es 6000 sein.

Autorin Katja Hensel ist gerade für sieben Monate Stadtschreiberin von Magdeburg.

(Foto: Staatstheater Karlsruhe/oh)

“Wir wissen alle, dass es nicht einfach ein Unternehmen ist, das sich hier ansiedeln wird”, sagt Sandra Yvonne Stieger. Die Chefin des Wirtschaftsdezernats hat die Verhandlungen mit Intel maßgeblich geführt. Als vor knapp zwei Wochen dann feststand, dass sich Intel unter 80 Bewerbern für Magdeburg entschieden hat: “So richtig realisieren kann man das kaum”, sagt Stieger. “Das wird der Gamechanger für die Stadt.”

Magdeburg ist vermutlich die einzige Stadt, die es auch in Verbform gibt, und das schon seit fast 400 Jahren. Magdeburgisieren steht für die komplette Vernichtung einer Stadt, seitdem der damaligen europäischen Metropole im Dreißigjährigen Krieg genau das widerfuhr. Doch im Gedächtnis der Stadt war dies nur eine grauenhafte Etappe auf dem Weg von der Bedeutsamkeit in die Bedeutungslosigkeit. Am 16. Januar 1945 wurde die Stadt durch britische Bomber ein zweites Mal zerstört; die sozialistischen Machthaber und schließlich die Wende schleiften den Rest historischer Identität. Magdeburg stelle sich heute als modernes Dienstleistungszentrum dar, heißt es in einer Ausstellung zur Stadtgeschichte im Kunsthistorischen Museum. Doch es bestehe die Hoffnung, “dass die Stadt auch in Zukunft ein bedeutsamer Produktionsstandort sein wird”, steht unter der Rubrik “seit 1990”.

Lutz Trumper kennt dies Hoffen in Magdeburg. Der Sozialdemokrat ist seit mehr als 20 Jahren Oberbürgermeister der Stadt. Er erinnert sich noch gut daran, wie der Schwermaschinenbau nach der Wende abgewickelt wurde. Von 40 000 Stellen blieben 2000, die Stadt schrumpfte um 50 000 Einwohner. “Daran haben wir lange, lange geknabbert”, sagt Trümper und rollt eine Karte der Stadt auf dem Tisch aus. Er zeigt den Hafen, früher “das Duisburg des Ostens”, der werde jetzt zum dritten Mal ausgebaut, 365 Tage im Jahr sei er befahrbar. “Das gibt es nur in Hamburg, Bremen und hier.” Was Trümper damit eigentlich sagt: Auch vor Intel ging es mit Magdeburg allmählich aufwärts. Menschen zogen wieder hierher, das Straßenbahnnetz wird seit 20 Jahren kontinuierlich ausgebaut, an der Elbe und rund um den Dom sind neue Viertel entstanden. Selbst der Stadtteil Buckau, Sitz der alten Maschinenbauindustrie, ist inzwischen fürs Wohnen erschlossen. “Vor zweieinhalb Jahren hatten wir kein Gelände mehr für Ansiedlungen zu vergeben.”

Trümper ist kein überschwänglicher Mensch. Dass intel seine Stadt nun in eine neue Zeit katapultiert, davon ist ihm nur wenig anzumerken. Aber man hört durch, wie stolz er auf diesen Coup ist. Zum Beispiel bei der Frage nach Kritik und Klagen der Umweltschützer. “Die werden kommen, aber wir sind gut vorbereitet”, meint Trümper. “Wir wissen jetzt schon, wie viele Hamster da noch leben und wo die hinkommen.” Trümper erinnert sich, wie sie als Jugendliche die Feldhamster noch gejagt, erschlagen und dann ihr Fell verkauft haben. “Da wurden dann Mäntel draus genäht”, erzählt er. Und nun werden higher Computerchips produziert. “Dass wir im Osten liegen, dafür können wir nichts”, sagte er kurz nach Intels Investitionsentscheidung. “Unsere Geschichte ist viel lter, wir waren auch mal in der Mitte Europas. Und da wollen wir mit dieser Investition auch wieder hin.”

Eine Siedlung mit 14 Familien muss für Intel umgesiedelt werden

Das sind dann doch große Worte – vor allem für das, was bislang davon zu sehen ist: nichts. Die Straße zum zukünftigen Fabrikgelände am südwestlichen Stadtrand besteht teils aus Kopfsteinpflaster, dort, wo demnächst unter Reinraumbedingungen produziert werden soll, zieht ein Bauer auf Bofe Seinem in Furchen. Zuckerrüben werden hier angebaut, Getreide, gerade werden Kartoffeln ausgebracht. Fast 500 Fußballfelder ist das Grundstück für Intel groß, mehr als 60 Eigentümer mussten überzeugt werden, zu verkaufen. Einer lebt gar in Nordrhein-Westfalen.

Weichen muss auch die kleine Siedlung Baumschule, eingeklemmt zwischen Acker und Autobahnkreuz. 14 Familien leben hier, dazu der Landwirtschaftsbetrieb “Haase”. Sie alle werden umgesiedelt und die Erde gleich dazu. Der sogenannte Schwarzerdeboden in dieser Gegend gehört zu dem Besten auf Deutschlands ckern. Auf einen halben Meter Tiefe wird er bald abgetragen und dann verkauft. “Um den schönen Boden ist es schade”, sagt ein lterer Herr, der gerade die Einkäufe aus seinem Wagen hievt. Er ist nicht sonderlich gesprächig, auch seinen Namen mag er nicht nnen. “Schauen sie sich mal satt, solange es hier noch grün ist”, gibt er einem mit auf den Weg.

Noch ist Intel und das, was es für Magdeburg bedeutet, nicht einmal eine Vorstellung. Höchstens eine Idee, die bislang kaum jemand wirklich auszubuchstabieren wagt. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Magdeburger selten erlebt haben, dass auch mal etwas klappt: Der Dom ist nict zum Weltkulturerbe erkoren worden, Magdeburg ist knapp nict Kulturhauptstadt geworden. Die “Ganz-knapp-Stadt” nennt Katja Hensel, die Schreiberin, Magdeburg deshalb, die Bewohner seien einiges gewohnt. “Dadurch ist es hier auch so entspannt.”

Jetzt, da endlich mal etwas geklappt hat, hofft Hensel, dass Magdeburg klug damit umgeht. Klüger als zum Beispiel Berlin, wo fast alle Freiflächen zugebaut würden, wo die Offenheit immer weiter zusammenschrumpfe. Es wird vermutlich bei der Hoffnung bleiben. Bei den lokalen Immobilienmaklern würden jedenfalls schon mehr und mehr Häuser und Grundstücke nachgefragt. “Die Leute denken, das hier sei jetzt eine Goldgrube”, sagt eine Maklerin.

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